Hauptseite_Kopf_Links
FGI_Kopfzeile_Neu_5_2011
Hauptseite_Kopf_Rechts

 

Muerset_Titel_02_D


Kurt Mürset, Basel

 

Keine Angst, wir hauen hier keine Griechen. Obwohl das zur Zeit populär zu sein scheint. Wir bringen auch keine Griechen um, trotz der vielen Krimis in diesem Artikel.

 

Bild2_6_11

 

Neulich habe ich wieder mal einen Kriminalroman gelesen. Einen griechischen. Petros Markaris heisst der Autor und er muss ein sehr gescheiter Mann sein. Das sage ich jetzt nicht einfach so nach der Lektüre seines Krimis, sondern weil er sich in einem Zeitungsinterview über die Zustände in seiner Heimat geäussert hat, und das etwas vom Erhellendsten war, was ich bislang zum Thema Griechenland gelesen habe. Ich hoffe nur Merkozy, resp. Sarkomerkel oder wie das europäische Führungsduo jetzt genannt wird, haben das auch gelesen. Markaris ist aber nicht nur gescheit, er ist auch aktuell und somit clever: Sein neuester Roman dreht sich um Schulden, Banken und Krisen. Alles auf Griechisch, versteht sich.

 

Lassen wir mal Euro, Schulden und Krise beiseite, dann bleibt ein Kommissar Charitas in Athen, der Fälle löst, so wie das ein Salvo Montalbano in Sizilien tut oder ein Guido Brunetti in Venedig, ein Bruno, chef de police, im Périgord, Commissario Laurenti in Triest, Kurt Wallander in Ystad, Erich Van Veeteren in Mardam, Omar Jussuf in Bethlehem und – wer zählt die Städte, nennt die Namen und alle, die zu Tode kamen... Die Liste lässt sich noch recht umfänglich fortsetzen. Und ich grüble immer wieder mal darüber nach, warum sie so lang ist und noch länger zu werden scheint. Früher war das viel einfacher. Da gab es den Herrn an der Baker Street in London, den Kommissar mit der Pfeife in Paris, den andern herkulischen Belgier und ein, zwei knallharte Typen in den USA. Natürlich ermittelte Sherlock Holmes in London, Maigret in Paris und Philip Marlowe in Kalifornien. Aber das war eher nebensächlich. Heute hingegen scheint sich ein neues Genre des Kriminalromans zu etablieren. Falls es den Begriff nicht schon gibt, möchte ich ihn hiermit einführen: den Touri-Krimi. Der Slogan dazu, «der passende Mord zu Ihrem Urlaubsziel», darf gerne weiterverwendet werden.

 

Das geht jetzt nicht gegen beispielsweise Markaris. Der schreibt seine Geschichten vor dem Hintergrund, den er am besten kennt. Und das ist nun mal Athen. Wenn ich Krimis schriebe, würden die in Basel spielen. Weil ich da den Stadtplan im Kopf habe und in etwa weiss, wie es hier läuft. Aber solche Krimis gibts halt schon, sogar als Film, drum lass ich es bleiben. Ich denke vielmehr, dass es heute zum guten Verlagsmarketing gehört, so ein paar Euro-Kommissare (Verzeihung!) im Programm zu haben. Und wenn es uns schon nur für drei Tage pauschal Athen reicht, dann wollen wir wenigstens etwas Lokalkolorit mitnehmen. Und den Mordfall auch. Dann schauderts uns hinterher noch ein wenig, wenn wir dran denken, dass wir genau an dieser Strasse Kaffee getrunken haben, wo es im Buch gekracht hat. Und schliesslich: wenn schon alles globalisiert wird, warum nicht auch die Krimis?

 

Vielleicht wäre es an der Zeit, einen neuen Krimi zu schreiben. Über einen Polizei-Kongress beispielsweise. Am besten in Rio. Da war ich noch nie. Und recherchieren vor Ort ist schliesslich das A und O einer solchen Geschichte. Also an diesem Kongress würden sie sich alle treffen. Hercule Poirot würde aus dem Altersheim zugeschaltet und Vincent Calvino aus Thailand eingeflogen. Ich würde auch den Hunkeler schicken, mal Rio statt immer nur Elsass, das täte ihm sicher gut. Dann würde ich die alle miteinander diskutieren lassen. Weil nirgendwo auf der Welt immer nur gemordet wird, könnten sich die ganzen Komissare auch gegenseitig mal über die Lebenskosten in ihren Grossstädten unterhalten, über die Bürokratie, die ihnen das Leben schwer macht, wie allen andern Bürgern auch und über die Touristen, die in ihren Städten rumstolpern und verloren gehen. Und damit es auch ein richtiger Krimi wird, müsste der Brunetti den Charitas verdächtigen, ihm die Brieftasche gestohlen zu haben oder so. Und alle versammelten Koryphäen (wieder so ein griechisches Wort) würden dann relativ hilflos herumrudern ohne ihre Netzwerke, ihre Informanten, ihre wundertätigen Assistentinnen, ihre Kaffeemaschinen und Stammkneipen, in einer Stadt, die ihnen fremd ist. Aber vielleicht gibts diesen Krimi ja auch schon. Das hätte dann den Vorteil, dass ich mich wieder mehr der Politik widmen könnte. So wie in der letzten Glosse. Da habe ich verbal nur leicht den Kopf geschüttelt über die Wanderschuh-Plakate einer grossen schweizerischen Partei. Und schon konnte die bei den Wahlen nicht mehr zulegen. Nicht schlecht, oder? In diesem Sinne: Alle Macht der Glosse!