Hauptseite_Kopf_Links
FGI_Kopfzeile_Neu_5_2011
Hauptseite_Kopf_Rechts

 

Sandy, revisited


Kurt Mürset, Basel

 

 

Bild6_1_2013_D

 

 

Früher war ja alles viel einfacher. Man sagte: «Das stand so in der Zeitung», und alle nickten dazu. Von einer privaten Meinung zu einer unumstösslichen Wahrheit in einem Satz. Respekt. Natürlich gab es auch früher schon Miesmacher, die darauf antworteten mit «und du glaubst alles, was da steht?», aber auf die brauchte man nicht zu achten. Normalerweise. Ausnahmen bestätigten die Regel. Als beispielsweise mal eine Boulevardzeitung einen Papst im Alleingang sterben liess, da «stand das so in der Zeitung», zugegeben etwas zu früh und auch im Einzelnen nicht ganz so, wie es dann später wirklich eintraf. Aber die Wettervorhersagen, die sind ja so präzise auch wieder nicht, wie sie von ihrer Präsentation und Detailliertheit her den Anschein machen.

 

Das ist lange her. Heute sind die Medien ein härteres Geschäft, mit noch härteren Bandagen. Man denke nur an die englischen Revolverblätter, die es geschafft haben, aus einem schlichten Format, nämlich dem Tabloid, ein Schimpfwort zu machen, aus einer ganz normalen dritten Seite eine schmuddelige Seite 3 und aus einem journalistischen Rechercheur eine monstermässige Kreuzung aus Märchenerzähler, Aasgeier und Leichenfledderer mit Scheckbuch.

 

Auch bei uns wird mit allen Apps scharf geschossen, Sonntagsausgaben werden wochenlang unverlangt, aber gratis, in Briefkästen gelegt, und sogar seriöseste Blätter versuchen mit eher überflüssigen Hochglanz-Lifestyle-Beilagen etwas Glamour in ihre Bleiwüsten zu zaubern. Es ist anscheinend nicht einfacher geworden, die reine Wahrheit und nichts als sie zu verbreiten. Diese umgekehrt als Leser herauszufiltern auch nicht.

 

Gehen wir nochmals zurück in die Karibik, wo sich ab dem 19. Oktober 2012 ein tropischer Sturm zusammenbraute, der dann zum Hurrikan wurde und fortan auf den Namen Sandy hörte. Von Haiti, über Jamaica bis Kuba zog er seine Bahn. Am 29. Oktober traf Sandy an der US-amerikanischen Ostküste ein. Die Auswirkungen kennen wir. Am 30. zog der Sturm dann ins Landesinnere und schwächte sich dabei allmählich ab. Die Verluste an Menschenleben, die Zerstörungen der Infrastruktur und die Schadensummen können Sie überall nachlesen.

 

Darüber hinaus gäbe es da noch so einiges anzumerken. Beispielsweise die Sturmschäden in Haiti gleich zu Beginn. Die 104 Toten dort. Die Ärmsten trifft es ja immer zuerst. Dann die Kubaner. Die waren aber gewarnt, verfügten über einen funktionierenden Katastrophenschutz und hatten schon über 340 000 Menschen vorsorglich evakuiert. Wie auch immer. Wir waren ja eigentlich alle schon auf New York fokussiert. Jahrhundertwellen klatschen an Hochhäuser, die Freiheitsstatue trotzt den Böen, die ersten Surfer werden in Brooklin gesichtet  . . .

 

In der Ruhe nach dem Sturm las ich einen Artikel*, der mich überaus faszinierte. Die Autorin wohnt in Manhattan, hat Sandy dort selbst erlebt und gleichzeitig die europäische Berichterstattung über Sandy verfolgt. Ihre Freunde meldeten sich und teilten ihr mit, was bei ihr gerade los war. Da wurde in deutschen Medien vom Massenexodus aus Manhattan geschrieben, während dort selbst die meisten Menschen einfach mal die Fensterläden schlossen. Da wusste man hier über alle Folgen schon detailliert Bescheid, bevor der Sturm dort angekommen war.

 

Ich las diesen Artikel und staunte. Natürlich hatte ich schon vorher gestaunt, wie ein Sturm – weit weg in Amerika – Tag für Tag stärker durch unsere Medien brausen konnte. Aber eigentlich hatte ich mir gedacht, das sei nun mal das übliche mediale Echo auf etwas, das in den USA jetzt halt in Gottes Namen die Schlagzeilen beherrscht. Das kennen wir ja: Wenn es dort so wichtig ist, muss es das für uns auch sein. Dass sich nun – zumindest in Teilen – der Wind so gedreht hat, dass jetzt quasi wir den Amerikanern Coca-Cola verkaufen, das hat mich dann doch sehr beeindruckt. Nun, mir war schon seit dem ersten Wim-Wenders-Film klar, dass wir hier in Europa eigentlich die besseren Roadmovie-Macher sind; nach der Lektüre dieses Artikels muss ich sagen, dass wir bei den Katastrophenfilmen eindeutig die Oscars abholen müssten, wenigstens für die Drehbücher.

 

Aber Spass beiseite. Unsere schöne neue Informationswelt ist die beste aller Welten. Dachte ich bislang. Instant-Info, jederzeit via Internet und all die andern Kanäle. Direkt-Info von den Betroffenen selbst, über Mobiltelefon oder soziales Netzwerk. Alles überprüfbar mit Nachfrage beim Urheber. Ganz ohne Vermittler mit wie auch immer gearteten Interessen. Kommentare und Gegendarstellungen auf allerhand Foren, in vielerlei Blogs. Und nun dies: Irgendwo pfeift eine Lokomotive, und schon springen alle auf den Zug auf, ohne zu wissen, ob der überhaupt fährt. Da sind wir aber nicht sehr weit gekommen seit der schröcklichen Himmelserscheinung mit dem brennenden Schweif und dem Kalb mit den zween Köpfen, das daraufhin zur Welt kam und von dem man dann flugs ein paar Holzschnitte anfertigte, um sie anschliessend ein paar Jahre lang brühwarm als neueste Nachrichten zu servieren. Einziger Unterschied: Nach dem Sturm ist vor dem Sturm. – Da hielt das Kalb etwas länger vor.

 

 

*Andrea Köhler in der NZZ vom 2. November 2012